Lisa Wulff - Neue CD: "Hand auf's Herz"
Rubrik
Feature
Veröffentlicht
03.03.26Autor:in
Heinrich Oehmsen
Sie sei gerne Begleitmusikerin, hat Lisa Wulff in einem Interview einmal gesagt. Aber sie kann auch Chefin eines Ensembles sein und dann im Mittelpunkt stehen. Wie Ende Januar, als sie im kleinen Saal der Elbphilharmonie mit ihrer zum Sextett erweiterten Band ihr aktuelles Album "Hand auf's Herz" vorgestellt hat. Bassisten stehen normalerweise nicht im Rampenlicht, dennoch ist ihre Funktion in einem Ensemble von eminenter Wichtigkeit. Sie sind oft Motor und Ruhepol gleichermaßen. Das ist bei Lisa Wulff nicht anders. Aber sie hat in den vergangenen Jahren auch viel Musik geschrieben und ihren Gedanken so musikalisch Ausdruck verliehen. Ohne Lyrik, nur durch das eigene instrumentale Spiel und das ihrer Sidemen.
"Hand auf's Herz", das Titelstück ihrer bei Laika Records erschienenen Platte, beschäftigt sich mit der Frage: Was ist wichtig? Für Wulff sind das die Hingabe an die Musik, die Liebe zu ihrem Instrument und die Möglichkeit mit Gleichgesinnten zusammen in einem Studio oder auf der Bühne zu stehen. Für die Produktion der aktuellen Platte hat sie mit Adrian Harnack und Gabriel Coburger zwei der herausragenden Saxofonisten der immer lebendiger werdenden Hamburger Szene geholt. Mit dem Trompeter Claus Stötter ist ein weiterer Bläser dabei, den Wulff von diversen Konzerten mit der NDR Bigband kennt. Schlagzeuger ist der variabel trommelnde Valentin Renner, sechster Mann der Gitarrist Sven Kerschek. Durch sein expressives und manchmal rockiges Spiel bekommen die Kompositionen eine weitere prägnante Klangfarbe, sehr gut zu hören bei "Blood Is Thicker Than Water". Nach einem ruhigen Intro wird der Sound plötzlich laut, weil Kerschek seine Gitarre aufdreht.
Lisa Wulff drängt sich bei den sieben Nummern des Albums nicht in den Mittelpunkt, doch ihr Spiel ist prägnant. Bei "Hand auf's Herz" spielt sie mit ihrem Bass das Intro, bei dem pulsierenden "Love It, Change It Or Leave It" lässt sie ihr Instrument laufen, Harnack geht den Rhythmus mühelos mit und so entsteht ein großartiges Stück Modern Hardbop. Die Kunst der Ballade beherrscht diese Band auch, sehr schön bei "Ballade For (E)" zu hören. Harnack eröffnet das Stück auf der Klarinette und es entwickelt sich ein intensiver Austausch von Wulff und Harnack, weil auch Renner sich an den Drums wohltuend zurückhält. Man spürt beim Hören des Albums die gemeinsame Hingabe der Musiker, das Zuhören und Reagieren aufeinander. Die Kompositionen sind ein Nebeneinander aus notierten und improvisierten Teilen und fügen sich zu einem ausdrucksstarken Ganzen.
Lisa Wulff, inzwischen 35 Jahre alt, ist in den vergangenen Jahren mit wichtigen Preisen geehrt worden wie 2019 mit dem Hamburger Jazzpreis und 2023 mit dem Deutschen Jazzpreis, sie hat mit berühmten Kollegen wie Al Jarreau, Randy Brecker, Rolf Kühn und Nils Landgren gespielt - mit "Hand auf's Herz" hat sie als Komponistin und Bandleaderin einen weiteren Schritt nach vorne getan. Sie präsentiert sich und ihre Band mit großer Leichtigkeit. Ein Stück auf dem Album heißt "Etikettenschwindel". Davon ist Lisa Wulff meilenweit entfernt. "Hand auf's Herz" ist grundehrlicher Jazz der Gegenwart.